reinkingprojekte

Daniel Man - only a butterfly is a good fly

Ab dem 10. April 2010 stellt Daniel Man unter dem Titel „only a butterfly is a good fly“ in den Räumen der REINKINGPROJEKTE in Hamburg aus.

Eröffnung: 10. April 2010 ab 17:00 Uhr.
Ausstellung: 11. April 2010 bis voraussichtlich Juni 2010

Öffnungszeiten nur nach Vereinbarung

INTERVIEW MIT DANIEL MAN

Du sagst, deine Kunst entsteht aus der Ambivalenz eines zweigeteilten Ursprungs, den du zu verbinden suchst: In London geboren, in Deutschland aufgewachsen – in einer aus China stammenden Familie. Deswegen beginnt jede meiner Fragen mit einem chinesischen Sprichwort. Das erste: "Ein Bild ist tausend Worte wert." Mit welcher Zunge spricht Deine Kunst?

Es gibt keine Sprache, für die ich Partei ergreifen würde– weil ich gar nicht wüsste, für welche. Deswegen ist es immer ein Suchen nach Sprache und nach Symbolen, die mir gefallen oder die universell verständlich sein könnten. Ich glaube, dass jeder von uns eine bestimmte Information in sich trägt, die über eigene Erfahrung hinausgeht, so etwas wie eine Kollektivinformation. Und dass die Materie, in die wir hineingewachsen sind, alles Wissen der Geschichte trägt. Wenn ich Symbole aufleben lasse, die gut transportieren, was ich mir denke, werden sie oftmals auch von anderen erkannt.


"Besser auf neuen Wegen etwas stolpern als in alten Pfaden auf der Stelle zu treten."
Sich aus dem Graffiti herauszuschälen und malerische Elemente zu betonen oder in die Malerei grelle Tags einzuarbeiten, stieß bei Hardlinern beider Parteien auf Kritik. Wie schnell wird eine sich als progressiv verstehende Bewegung doktrinär und wie wappnest Du Dich gegen Dogmen?

Oh! Das Sprichwort könnte ja wirklich von mir stammen. Mit einem Satz: Ich bleibe einfach bei mir. Die Szene hat ihre eigenen Doktrinen geschaffen, genauso wie jede andere Subkultur irgendwann zu Populärkultur wurde. Oder jeder Punk zu Pop. Zwar gehe ich immer wieder raus, weil es einfach Spaß macht, aber mir ist irgendwann bewusst geworden, dass auch bei den Jungs darauf geguckt wurde, wie es sein müsste, was verwendet werden sollte. Das habe ich nicht eingesehen. Und mir ein neues Feld gesucht. Das konnte ich damals nur an der Akademie finden. Walter Dahn (Anm. d. Red.: lehrt Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig) war für mich der Inbegriff eines Gedankenbefreiers – dabei ist er einer der kopflastigsten Künstler überhaupt. Außerdem kam er aus einer ähnlichen Ecke. Er hatte im New York der frühen Achtziger ganz viel mit den Graffiti-Jungs zu tun, mit HipHop und Underground. Das ist wirklich ein alter Punker. Und der denkt auch so: Immer schön Widerstand aufbauen. Gegen alles, was da ist, gegen alles, was sich eingefahren hat. Aber das Problem ist: Die Strukturen an der Hochschule sind dennoch genauso da. Immer wird alles wiederholt, mantra-mäßig. Aber es war dennoch schön, weil ich an der Akademie erst entdeckt habe, dass es so viel zu entdecken gibt, dass ich eigentlich überhaupt nichts weiß. Seitdem bin ich bei mir geblieben.


"Der Mensch setzt Ruhm an wie das Schwein Fett."
Du wirst inzwischen von den richtigen Galerien vertreten, von den richtigen Sammlern gekauft, in den richtigen Museen ausgestellt. Ist Dir das nicht manchmal unheimlich, dass der gleiche, vermummte Eisenbahnbrücken-Sprayer heute auf Kunstmessen stolz als Street Art-Künstler präsentiert wird? Fühlst Du Dich selbst überhaupt noch Street?

Ach, die Street Credibility. Der Fame als Ideal, war im Graffiti doch immer da. Nicht nur im Graffiti, aber da komme ich halt her. Es war lange so in der Szene, dass ich nicht als Codeak wahrgenommen wurde. Man hat mich nicht gesehen, ich habe mich nicht mit meinem Schriftzug hingestellt und gesagt: ‚das bin ich’. In der Kunstszene will ich meine Position erarbeiten. Wenn ich erkannt werde, ob auf der Straße oder in der Kunstszene, dann ist das super. Was heißt Street Credibility, mein Gott. Ob ich mehr Street oder weniger bin, das ist mir völlig Schnurz. Aber es macht trotzdem Spaß, wenn ich irgendwo auf der Straße bin und dann kommt ein Junge und sagt, ‚hey, du bist Codeak, wow! Kannst du mir ein Tag in mein Blackbook machen?’ Jetzt kommen die Leute eben ins Museum, um sich die Bilder anzusehen. Das Arbeiten im Atelier hat eine andere Qualität. Man ist mehr bei sich. Aber es ist nicht besser und nicht schlechter.


"Hüte dich vor Männern, deren Bauch beim Lachen nicht wackelt!"
Wo ist mehr Witz? Im Graffiti? In der Malerei? Oder bleibt das Lachen bei der Kunst außen vor?

Ich bin immer für eine absolute Durchsetzung von allem. Die Straße ist mit viel Fun verbunden, weil sie spontan reagiert – oder vermeintlich spontan, viele Sachen entstehen inzwischen ja in mühsamer Kleinstarbeit zu Hause. Das ist fast schon konzeptuelle Street. Ich hätte gern, dass das, was akademisch ist, wieder durchflutet wird von dem Spontanen und Witzigen, was die Kunst ja durchaus auch hat – bei Polke etwa oder Kippenberger. Aber wenn du etwas kultivierst, wird es eben irgendwann zum Konzept. Dann ist diese spontane Handlung nicht mehr da und das Kontextuelle auch nicht. Dieses: Was bedeutet die Stadt für mich? Was mache ich für diesen Ort? Ich gehe einfach raus und schreie. Weil ich schreien muss. Mir waren die Akademiker zu akademisch, die Straßenleute zu profan. Ich brauche etwas dazwischen. Deswegen: Bei mir bleiben.


"Mögest du in interessanten Zeiten leben" ist ein chinesischer Fluch. Kommst Du mit der Unruhe des Künstlerdaseins klar oder ängstigt Dich – wie manch anderen jungen Künstler – ein mögliches Ende des momentanen Hypes um die Kunst und um die eigene Person? Leidet ein Chinese mehr unter „interessanten Zeiten“ – oder schützt das Tao?

Der Chinese in mir bringt mir Ruhe. Das Tao bringt mir Ruhe. Meine Kinder sind mein Ausgleich. Wenn ich nach München ins Atelier fahre oder wenn ich eine Ausstellung aufbaue und in diesem Hype mit drin bin, das bringt die Unruhe. Aber auch eigene, innere Unruhe treibt mich ins Atelier. Selbst wenn ich mir dann denke: ‚Hey, was gebe ich mir da für einen Scheiß, dass ich in diesem kalten Atelier bei sieben Grad arbeite?’ Das ist das Ding: In meinem Atelier bin ich ein ruheloser Geist und fabriziere irgendeine Arbeit, die scheinbar so Nonsens ist, für mich aber so wahnsinnig wichtig. Auch das kreiert Unruhe. Dann liegen auf dem Tisch irgendwelche Kunsthefte oder einer erzählt Dir: ‚Weißt du, dass unser Kollege so und so in dem und dem Kunsthaus ausstellt?’ Ich bin davor nicht gefeit. Und strebe nach der Waagrechten. Auch aus dieser Schizophrenie heraus, Chinese zu sein und Deutsch zu sprechen, jeden Tag. In meiner Arbeit kann ich dafür am besten eine Sprache finden.
EVELYN PSCHAK, KUNSTHISTORIKERIN UND KUNSTKRITIKERIN , München. Februar 2008


Mehr Infos: danielman.de

Labels: ,

topnach oben
zurück
Startseite